Das Begreifen des Anthropozäns durch Architektur

Die Bezeichnung Anthropozän als Beschreibung eines vom Einfluss des Menschen geprägten Erdzeit- alters taucht massenwirksam im Jahr 2002 in einem Vortrag des niederländischen Chemikers Paul
J. Crutzen auf. In diesem bemerkt er, dass „es (…) angemessen (erscheint), die gegenwärtige, vom Menschen geprägte geologische Epoche als „Anthropozän“ zu bezeichnen“ (Crutzen). So bringt
er erstmals die Veränderung der natürlichen Welt, ihrer biologischen, geologischen und atmosphä- rischen Prozesse, in Verbindung mit dem Einfluss des Menschen. Der Mensch wird somit als geolo- gischen Einflussfaktor anerkannt. Das Anthropozän, dessen Beginn mitunter sehr unterschiedlich datiert wird, stellt aber von vornherein nicht einen ausschließlich deskriptiven Terminus dar. Vielmehr wird es von der Entstehung an immer auch in Verbindung mit einem Auftrag gedacht. So mahnt Paul J. Crutzen: “Wissenschaftler und Ingenieure stehen vor einer gewaltigen Aufgabe: Sie müssen der Gesellschaft den Weg in Richtung eines ökologisch nachhaltigen Managements des Planeten im Zeitalter des Anthropozäns weisen. Dies erfordert angemessenes menschliches Verhalten auf allen Ebenen und möglicherweise auch großangelegte (…) Projekte (…). Zum jetzigen Zeitpunkt wandeln wir jedoch noch weitgehend auf einer terra icognita.“ (Crutzen).

Doch welche Möglichkeiten gibt es in/mithilfe der Kunst, das Anthropozän und die Zerstörung der Welt konstruktiv aufzuarbeiten? Heather Davis und Etienne Turpin postulieren diesbezüglich, dass das Anthropozän in erster Linie ein sensorisches Phänomen ist; es beschreibt das Erlebnis in einer geschädigten und schädlichen Welt zu leben. Sie argumentieren weiter, dass Kunst einen poly- archischen Raum für das Experimentieren des Lebens in einer geschädigten Welt bietet. Kunst kann als eine nicht-moralische Instanz diskursiv, visuell und sensorisch die Möglichkeiten und Probleme unserer Zeit thematisieren (Davis & Turpin). Im Unterschied zu anderen Arten der Kunst kann Archi- tektur multidimensionale Räume und so auch mehr Möglichkeiten des sensorischen Erlebens schaffen. Ich würde jedoch anmerken, dass dieses kritische Potential in vielen Bereichen zeitgenössischer Gebäude hypothetisch bleibt. Auch wenn viele Architekten Themen aufgreifen, die in Debatten über das Anthropozän kritisiert werden, so repräsentiert Architektur dennoch oftmals anthropozentrische Rückzugsorte. Wenn man ein Gebäude betritt, so betritt man einen Raum, der häufig ausschließlich dafür entworfen wurde, menschlichen Ansprüchen zu entsprechen. Auch prämierte zeitgenössische Ge- bäude, die Interaktion und Vernetzung einbeziehen, sind oft Räume menschlicher Exklusivität. Die Außenwelt wird teilweise ausgeblendet und wir finden nur wenig Anknüpfungspunkte, die die Zerstö- rung der Welt ansprechen. Im alltäglichen Leben möchten wir die Zerstörung fernhalten und bevor- zugen es, nicht damit konfrontiert zu werden, solange wir uns im Inneren eines Gebäudes befinden. Wir ziehen individuelle Bedürfnisse den Grundbedürfnissen der Erde vor und das Aufgeben eines ge- wohnten Komforts erscheint vielen wenig erstrebenswert. Mit einem solchen kurzsichtigen Umgang mit den Möglichkeiten der Architektur wird es nicht möglich sein, die globale Natur des Klimawandels und dessen Ursachen und Wirkungen zu erkennen. Ein Ausblenden der verheerenden Realität wird die Menschheit eben nicht vor jener beschützen können.

Das folgende Projekt versucht in Anknüpfung an diese Kritik ein umfassenderes Potential der Ar- chitektur zu erkennen und Räume zu schaffen, in denen wir dem Anthropozän begegnen – konstruktiv, pädagogisch, sensorisch, und kritisch.
Der stillgelegte Braunkohletagebau in Schöningen soll hier als geeigneter Standort fungieren. Die Bedeutung der Grube für diesen Entwurf leitet sich sowohl aus ihrer Geschichte als auch aus ihrer ökologischen, ökonomischen, sozialen und kulturellen Bedeutung ab. In ihr verbinden sich Vergan- genheit, Gegenwart und Zukunft. Hermann Lübbe definiert die Gegenwart als einen Zeitraum der Dauer bzw. Stabilität. Als solcher stellt er einen Raum dar, in dem Erfahrungsraum und Erwartungshori- zont unverändert sind. Nur innerhalb dieses gegenwärtigen Raumes, so schlussfolgert er, kann man Schlüsse aus vergangenen Erfahrungen ziehen und über die Zukunft nachdenken. „Vergangenheit be- zeichnet aus dieser Perspektive dann all das, was nicht mehr gilt, Zukunft dagegen umfasst dasje- nige, was noch nicht gilt.“ (Rosa). Die Gegenwart stellt demzufolge den entscheidenden Erfahrungs- raum dar, in dem wir über Vergangenheit nachdenken und die Zukunft konstruktiv planen können. Die Schöninger Grube soll für diesen Entwurf genau dies bilden: einen Erfahrungsraum, der das Vergan- gene in der Gegenwart verhandelt und davon ausgehend die Zukunft gestaltet.

Die Grube soll für jeden individuell erlebbar gemacht werden. Dies geschieht zunächst dadurch, dass es den Besuchern freigestellt wird, wie sie den Ort betrachten und erfahren. So soll jeder frei seinen eigenen Weg hinunter finden können. Der Abstieg in die Grube ist für das individuelle Erlebnis hier von besonderer Bedeutung. Der Speicher versteht sich abei als Synergie der Grube und so besteht der Erfahrungsraum aus dem gesamten ehemalige Tagebau und dem geplanten Gebäude. Beide bilden eine Verlängerung des anderen und wirken synergetisch zusammen. Von Beginn des Besuchs an treten die Besucher so aus der reinen Beobachterrolle hinaus und bekommen ein Gefühl für die Größe der Grube und schließlich auch für die Tiefe des Speichers.

Der unterirdische Teil des Speichers ergibt sich aus mehreren horizontalen sowie vertika- len Schichten. Die vertikale Schichtung orientiert sich an verschiedenen Funktionen. Der äußere, kreisrunde Ring bildet das statische System. Daran schließt sich der Rampenring an, welcher für den Abstieg genutzt werden wird. Dieser Ring variiert in seiner geometrischen Form und dient als Übergang zwischen dem kreisrunden, äußeren Ring und den ellipsenförmigen, inneren Ringen, die die dienenden Funktionen beherbergen. Diese inneren Schichten enthalten sämtliche notwendigen Funkti- onen für den Betrieb des Speichers. Im Innersten Ring befindet sich das Herzstück der Anlage. Als Speicher im Speicher eingehängt, befinden sich in ihm die Kryobehälter mit dem gesammelten Leben, sowie eine Datenbank mit dem gesammelten Wissen darüber.

Autor

  • Oskar Gamböck

Projekt

  • Freie Masterthesis

Institut / Betreuung

  • für Entwerfen und Raumkomposition
  • Prof. Volker Staab

Semester

  • Sommersemester
  • 2018