Papiermanufaktur und Residency Sorrento

„My Verses look crazy on paper, I write `em in pen.“

In seinem „Smoking Song“ formuliert der zeitgenössische Jazz- und Rap- musiker Mick Jenkins etwas, das banaler und bedeutender zugleich nicht sein kann. Trotz der Einfachheit der Aussage, ist die Tiefe der Sinn- und Wertzuschreibung dem „Papier“ gegenüber, die M. Jenkins hier aus- drückt von zentraler Bedeutung für seinen kreativen Schaffensprozess.

Was bedeutet es Papier zu benutzen? Wie verändert sich im Zuge einer heute immer stärker und presenter werden Digitalisierung alltäglicher Prozesse der Bedeutungsgehalt vom Papier? Ist eine Welt ohne Papier vorstellbar? Was sind die Vorzüge von Papier gegenüber digitalen Medien?

Diese Fragen stellen den Rahmen dar für meine Untersuchungen und meine Ausarbeitung eines räumlichen Experiments, das die Verbindung von küns- tlerischer Arbeit mit der „weißen Kunst“ des Papierschöpfens ersucht.

Lokaler Ausgangspunkt ist die Kleinstadt Sorrento im Süden des Golfs von Neapel und an der nördlichen Steilhangküste der Penisula di Sorrento. Das untersuchte/behandelte Grundstück findet sich am östlichen Stadtrand zu der Gemeinde Sant Agnello am Golfo del Pecoriello. Die Bucht öffnet sich über eine dreifach abgestufte Terrassierung zur Öffentlichkeit hin und endet in einem Blick auf das Meer.

Eingegrenzt wird der Blick östlich von einer Orangenplantage , welche der berühmten Archäologin Paola Zancani Montuoro gehörte. Ziel ihres Schaffens war die Erhaltung der im 18. Jahrhundert entstandenen Plantage um Sorrento vor der zunehmenden Urbanisierung zu schützen.

Westlich erstreckt sich das Crawford-Anwesen des verstorbenen Schriftss- tellers.

Aufgrund seiner Historie scheint der Ort etwas magisches auszustrahlen und tatsächlich besitzt er eine äußerst Starke Anziehungskraft. Man wird übermannt vom Gefühl den Ort erfahren, erkunden und erleben zu müssen. Doch so wie der Weg durch das Ende der Terrasse das Erkunden verwehrt , verwehren auch die Mauern der umliegenden Grundstücke das Herantreten an die Bucht und das Meer.

Der Drang des Erkundens und Entdeckens, den der Ort im Besucher auslöst, ist Leitmotiv des Entwurfs.

So wird der öffentlichste Punkt des Ortes Startpunkt für den Weg des Erlebens.

Eine Vierte Terrasse nimmt die vorangegangene Abwertsbewegung auf und endet so gleich mit einer massiven Wand, welche von zwei Öffnungen per- foriert ist. Hierbei eröffnet ein Rundfenster den Einstieg in das Gebäude mit einem Blick in die Bucht. Man schaut in einen Garten, der an einen massiv geschlossenen Körper anschließt. Um diesen windet sich ein Weg. Eine schreitende Treppe führt hinab in den Garten. Doch wo kommt der Weg her und wo endet er?

Die zweite Öffnung in der Wand führt entlang der Klippen zum Eingang des Gebäudes. Nach dem Durchschreiten des dunklen Weges, öffnet sich die Helligkeit eines neuen Raumes. Zeitgleich betritt eine Frau den Raum. Was sie prüfend in den Händen hält, begeistert den Besucher: Es ist Papier. Aber woher kommt das Papier?

Über die Terrasse bekommt der Besucher die Möglichkeit die schreitende Treppe hinabzusteigen – vorbei an unterschiedlichsten Bäumen und Blüten. Entlang schmaler Kollonaden erreicht man das Lager, welches sich unter der vierten Terrasse befindet und im gleichen Moment, von eben dieser, über einen Seilzug beliefert wird. Nach Passieren des Lagers öffnet sich dem Besucher der Blick in die Bucht hinein und es wird eine seitlich am Gebäude anliegende Treppe erblickt. Plötzlich rückt das Rauschen von Wasser in die Aufmerksamkeit des Anwesenden. Doch wo kommt das Wasser her? Beim Weitergehen gelangt dieser zu einer Öffnung. Staunend erblickt er durch diese hindurch metallische Kessel hinter den Tuffsteinen der Fassade. Ob das Wasser dort herkommt?

Der Besucher folgt dem Weg abwärts entlang der Flussrichtung des Wass- ers. Wieder Akustik. Der Klang von Maschinen dringt in die Ohren. Zahn- räder, Keilriemen und sogar ein Wasserrad sind in Bewegung. Neugierig läuft der Besucher weiter und gelangt an eine großzügige Öffnung an der Wand. Er erblickt an Leinen hängende Tücher. Sind das die Papiere? Begeistert setzt der Gast seinen Weg fort und kommt an einen Kreuzung- spunkt. Nach einem Blick in eine gegenüberliegende Grotte erblickt der Besucher den weiteren Verlauf des Weges. Wo mag dieser wohl hinführen?

Der Weg scheint entlang des Felsens zum Meer zu führen. Schließlich endet der Weg in einem massiven Körper, eine bescheidene Tür steht offen und der Besucher findet sich in einem dunklen Gang. Aus einem Raum dringt Licht. Gebannt folgt der Besucher diesem Signal. Jemand scheint zu arbeiten. Ins Gespräch verwickelt erfährt der Gast von der Manufak- tur, der Papierproduktion und den Künstleraufenthalten. Als sich die Fragen von Seiten des Besuchers häufen, wird dieser vom Künstler direkt in den Schöpfraum gebracht um ein besseres Verständnis für Ort und Pro- duktion zu bekommen. Nach angeregtem Gespräch folgen die beiden dem Turm nach oben hin, vorbei an zahlreichen trocknenden Papieren.

Auf dem Weg nach oben erblicken die beiden nocheinmal, aus völlig neuer Perspektive, durch eine runde Öffnung den Maschinenraum an dem vorher schon der Besucher draußen vorbeigelaufen war. Draußen im Garten ange- kommen dankt der Besucher indem er den Künstler auf einen Espresso im Verkaufsraum einlädt. Im angeregten Geplauder finden Künstler und ortsansässiger Besucher Austausch. Nach Erwerb einiger ausgewählter Papiere und künstlerischer Arbeiten, begibt sich der Gast zum Abend hin über den langen dunklen Weg und die vier Terrassen auf dem nach Hause weg Heim.

Autor

  • Pascal Kapitza

Projekt

  • Freie Bachelorthesis

Institut / Betreuung

  • für Entwerfen und Raumkomposition
  • Prof. Volker Staab
  • WiMi Christian Jensen

Semester

  • Wintersemester
  • 2018 / 2019