Talus

Nach dem Ende des zweiten Weltkriegs starteten in vielen deutschen Städten die Aufräumarbeiten. Gesamte Innenstädte wurden von den Luftangriffen der Alliierten restlos zerstört und das angehäufte Material musste dem rasanten Wiederaufbau weichen und aus dem Stadtbild verschwinden. Die schier endlosen Massen von Gebäudematerial wurden zum Teil zu beachtlichen Erhebungen aufgeschüttet und veränderten die Topographie vieler Städte nachhaltig. Der MEX nimmt diese Trümmerbergen als Ausgangspunkt für eine tiefgreifende Recherche auf dessen Grundlage wir architektonisch, räumliche Thesen entwickeln wollen. Wir begeben uns auf eine archäologische Expeditionen und suchen nach Artefakten zerstörter Städte.

Die architektonische These, die sich aus den Formstudien mit dem Trümmerstück und der Analyse Dresdens ergibt, setzt sich zum einen aus der Fragestellung zusammen, wie heutzutage kriegszerstörte Städte wiederauf- gebaut werden und ob Ähnlichkeiten zu dem Wiederaufbau deutscher Städte nach dem Zweiten Weltkrieg ausgemacht werden können. Zum anderen kann daraus die Frage abgeleitet werden, ob sich allgemeingültige Ansätze finden lassen, bzw. ob sich daraus eine Arte Masterplan entwicklen lässt, der global auf zerstörte Städte angewendet werden kann? Und wie sähe dies in einer entsprechenden Architektur aus?

In der syrischen Stadt Ar-Raqqa ensteht so ein neues Ortszentrum, das gleichermaßen die Trümmerverwertungsmaschinerie zur Enttrümmerung der Stadt in sich beherbergt und neuer Schutzraum für die Bewohner der Stadt ist. Ein primäres Tragsystem aus vorgefertigten Stahlbetonsteckele- menten bildet das Grundgerüst eines überdachten Stadtraumes. Die vom Krieg in Mitleidenschaft gezogenen Fassaden der Häuserruinen werden invertiert, sie bleiben als Erinnerungsgut und Mahnmal stehen. Gestützt von der Tragstruktur bilden sie die Fassade des neuen Stadtzentrums, in dem Menschen zusammen kommen, sich erinnern, Schutz finden und Mut schöpfen ihre Stadt aktiv mit aufzubauen. In das Primärsystem werden verschieden dimensionierte Module gehängt, die die Stadtbewohner individuell nutzen können. Dabei richtet sich der Grad der Privatheit nach der Zerstörungsintensität der Ruinenfassade: An offenen Abbruchkanten wach- sen geschlossene und somit private Module in den Innenraum der Halle. Hinter einem geschlossenen Fassenabschnitt befinden sich offene Module, die im späteren Verlauf des Wiederaufbaus als Marktstände genutzt werden können und als öffentliche Aufenhaltsräume dienen. Während der Zeit des aktiven Wiederaufbaus befinden sich in diesen Modulen Lager und Techni- kräume der Produktionsstränge.

„Das Bauwerk reagiert auf den Kontext und erweitert diesen, indem es vorhandene Strukturen weiterdenkt.“ (Zitat Peter Heimerl)
Die Ruinen als Elemente mit Wiedererkennungswert werden bewusst stehen gelassen, um Altes mit Neuem zu verbinden. Ein übergeordnetes städtebauliches Konzept, das neuartige Infrastrukturen entstehen lässt, gibt eine Idee vor, eine zerstörte Stadt wieder aufzubauen und prägt den Enwturf. Zukunftszenarien und Umnutzungsvorschläge lassen eine industri- ell genutze Halle zu einem neuen Mittelpunkt innerhalb der Stadt wachsen. 

 

 

Autor

  • Johanna Spies von Büllesheim & Saskia Tödter

Projekt

  • Masterentwurf Experimentell

Institut / Betreuung

  • für Entwerfen und Raumkomposition
  • Prof. Volker Staab
  • WiMi Christian Jensen
  • WiMi Gustav Düsing

Semester

  • Wintersemester
  • 2018 / 2019